Allgemein 05 Sep 2007 1:31
Septembernebel im Ländle und anderswo
September, beinahe schon Herbst.
Irgendwie fand ich diesen Sommer viel zu kurz. Und zu heiß, zumindest im April. Okay, der zählt nicht. Aber heiß war er!
Jedenfalls ist es erst ein paar Wochen her, dass wir uns lauthals über die tropischen Temperaturen beklagten. Hätten wir vielleicht nicht so laut geschrien. Denn prompt verschwand das Hoch gen Süden und rund ums Mittelmeer stöhnten die Leute bei 45 Grad. Dürre, Wassermangel, Waldbrände. Tausende Menschen mussten vor den Flammen der oft absichtlich gelegten Brände fliehen, viele kamen leider darin um. Die Bilder vom flamenden Inferno in Griechenland, Italien, Kroatien und anderswo sind noch ganz frisch.
Nach einer verregneten Woche in Norditalien, wobei es die ersten drei Tagen wie aus Kübeln schüttete, und einer zweiten an der Adria bei durchschnittlich 33° C (ich mit einem Buch unter einem Sonnenschirm, milchig-blauen Himmel und Wassertemperaturen wie in der heimischen Badewanne), hat mich der September-Alltag wieder fest im Griff.
Die langen Sommerabende auf der Gartenterrasse scheinen endgültig vorbei zu sein. Bei derzeitigen Temperaturen ist es kein Wunder.
Der Briefkasten wird voller, u.a. weil die vor Wochen abgeschickten Urlaubskarten der lieben Freunde endlich eintrudeln.
Bei uns im Ländle gehen die Schulferien mit dieser Woche zu Ende. Dann geht das Schaffe, Schaffe … wieder los. Die meisten Leute sind allerdings schon da und üben für die nächste Woche, wenn sie auf verstopften Straßen im Stau stehen, sich in Bussen und Bahnen aneinander kuscheln müssen bzw. keinen Sitzplatz finden, weil die Schulkinder alle belegt haben und Sprüche wie »Ja, ja, die Jugend von heute, unmöglich … Sowas hätt‹ es früher net geben… Wir waren doch viel höflicher und wohlerzogen« u.a. -) die Runde machen.
Der September hat auch schönen Seiten.
Wenn man z.B. auf dem »Stuttgarter Weindorf« in einer der gemütlichen Lauben die neuen (natürlich auch die alten) Weine verkostet und sich Ochsenmaulsalat, g’schmelzte Maultaschen mit Kartoffelsalat, Bubaspitzle mit Sauerkraut oder anderere Leckereien, leider oft zu recht gesalzenen Preisen, schmecken lässt.
Allerdings beklagten sich in den letzten Tagen manche Viertelesschlotzer über das Sauwetter und die Zugluft in den Lauben, weshalb einige Wirte überlegen, ob sie lieber Glühwein anbieten und mobile Heizöfele aufstellen sollten. Der Kunde ist schließlich König. – Ich bin gespannt, ob man dann auf dem kommenden Weihnachtsmarkt mannshohe Ventilatoren wegen des Hitzestaus aufstellen wird. (Aber das gehört jetzt irgendwie nicht hierher, sondern wohl eher zum Thema »Klimawandel«, das ich lieber den Experten überlasse.)
Er hat auch eine starke romantische Note.
Vielen Tierarten balzen jetzt. Auch bei manchen Zeitgenossen und Zeitgenossinnen steigt der Hormonspiegel, wenn die TAge kürzer und die Nächte länger werden. Doch, doch, das habe ich erst neulich irgendwo gelesen. Außerdem beginnt bald die Jagdsaison … Doch das ist wieder ein ganz anderes Thema.
Wo war ich? Ach ja, die romantische Stimmung.
Man denke nur an den dichten Septembernebel, vor allem bei Tempo 180 auf der Autobahn… Aber darüber wollte ich eigentlich nicht schreiben. Das hängt eher mit dem Lebenswandel zusammen.
Wie auch immer, es ist eine gerfährliche Sache. Andererseits, was ist im Leben eigentlich nicht gefährlich? Doch ich schweife schon wieder ab…
Wenn der besagte und romantisch anmutende Septembernebel die Stuttgarter Stäffele (= zum Teil elend lange und oft halsbrecherisch steile Treppenverbindungen zwischen Straßen, die auf verschiedenen [Hoch]ebenen der Hänge, ähm ich meine Hügel, verlaufen, weshalb die Stadt vor vielen Jahren auch den beliebten Beinamen »Metropole zwischen Hängen und Würgen« bekommen hat, der von bösen Zungen vom bekannten Werbeslogan, der da hieß: »Metropole zwischen Wein und Reben«, abgeleitet wurde) einhüllt, – puuh, das war vielleicht ein Satz, was? – weswegen das auf den Geh- und Spazierwegen liegende Herbstlaub nicht gut zu sehen ist, wären wir bei der von »Auswärtigen« bewunderten und belächelten, doch ungemein wichtigen Wochenendbeschäftigung der Einheimischen und selbstverständlich auch der Nei- bzw. Reigschmeckten angelangt: der obligatorischen und in fast jedem Mietvertrag verankerten schwäbischen Kehrwoche.
Die Rutschgefahr ist gerade in dieser Jahreszeit sehr groß. Das morsche Laub und die glänzenden Rosskastanien gilt es in die braune Tonne zu befördern, und zwar dalli. Wehe, frau/man tut es nicht rechtzeitig oder net ordentlich. DA kennen die Schwaben kein Pardon! Die Augen der Kehrwochen-Wächter (meistens liebe Nachbarn mit viel Sinn für Ästhetik) sind überall und scharf wie die der Könige der Lüfte. Hat frau/man sei Kehrwoch’ net ordentlich g’macht, weswegen sich ebber daraufhin natürlich prompt den Haxen bricht, ist der Weg zum Anwalt und somit zur Privatklage garantiert nicht weit. Habe erst im vergangenen Frühjahr als Dolmetcherin beim hiesigen Amtsgericht einen solchen Stäffelesrutscher-Fall mitbekommen, wobei sich der Fall (im wahrsten Sinne des Wortes) bereits ein halbes Jahr zuvor ereignet hatte. Ja, wir wissen, die Gerichte sind überfordert und die Privatklagen nehmen seit Jahren zu.
September – schon sein Name klingt so wunderbar sentimental, zumindest in meinen Ohren.
Dabei ist er nach dem alten römischen Kalender schlicht der 7. Monat des Jahres. Aber das macht nichts. Ich mag ihn.
Manchmal stelle ich ihn mir wie ein verschnörkeltes, mit Rost und Flechten überzogenes schmiedeeisernes Gartentor, vielleicht mit Efeu bewachsen. Dahinter ein Kieseg und weit in der Ferne – Manderley! Oder so etwas in der Art. Sie kennen doch diese wunderbaren Schwarzweiß-Filme. Rebbecca oder Dr. Mabuse oder irgendwas mit Miss Jane Marple oder Mrs Sherlock Holmes und Dr. Watson. Jedenfalls nieselt es, der Nebel zieht auf, ein Rabe (oder ist es eine Krähe?) kreischt irgendwo, das Tor geht quitschend auf und Sie treten auf den nassen Weg und gehen auf das Schloss zu. Darin ereignet sich gerade (oder bilden wir es uns nur ein und es war es vor langer, langer Zeit?) ein verruchtes Vertrechen. Sie fühlen den kalten Schauer, der Ihren Rücken rauf und runter jagt. Was ist geschenen? Sie gehen zögernd weiter… Oder sind gar der Kommissar selbst? Dann gehen sie natürlich schnell, geben ein paar Anweisungen an Ihre Leute und haben überhaupt keinen Blick für die Szenerie, geschweige denn Angst vor dem Septembernebel und no’n Kram. Never.
Und dann knallt irgendwo ein Schuß. Und gleich noch einer. Aber es war nur das Tor, das hinter Ihnen zugefallen ist. Blitzschnell erfassen Sie die Situation. Ja, Sie sitzen, vielmehr stehen in der September-Falle. (Wenn Sie der Kommissar sind, dann nicht, klar. Der muss ja den Fall aufklären und findet blitzschnell heraus, wer den geizigen Gutsherren ermordet hat. Sie wissen es auch? Klar, es war die untreue Gattin und nicht der arme Gärtner). Sie gehen weiter. Links und rechts des Kieswegs eine hübsche Rosskastanien-Allee
Wenn nach einem heißen Sommer der September seine Pforten öffnet, atmen Sie den Duft der Astern, der letzten Rosen, reifer Äpfel, Birnen und Zwetschgen (die sind weiter unten auf der Streuobstwiese) ein. Und Sie schließen die Augen. Herrlich, nicht wahr? Doch halt! Machen Sie die Augen lieber wieder auf. Es könnte sein, dass Sie über eine Rosskastanie oder nasses Laub stolpern. Schließlich wollen wir uns nicht vor Gericht sehen.
In diesem Sinne einen schönen September-Spaziergang!



